Die Zitronengärten im Osten des Gardasees

Die aus China und Indien stammenden Zitrusfrüchte sind überall auf der Welt verbreitet. Um das Jahr Eintausend wurden sie von den Arabern in Europa eingeführt, und einige Geschichtsforscher vertreten die Auffassung, daß Sizilien die erste Region Italiens gewesen sei, die "wahrscheinlich unter zunächst islamischem und später normannischem Einfluß" die ersten Zitrusplantagen anlegte.
Im XIII. Jahrhundert brachten Mönche des Klosters des HLire Franziskus in Gargnano die ersten Zitrusfrüchte von der ligurischen Riviera zum Gardasee. Von ihrer Plantage aus, die noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts als "die erste" galt, "da es sich um die erste angelegte und kultivierte Zitronenplantage handelte" verbreitete sich der Anbau von Zitrusfrüchten in Toscolano und in Maderno.
Im September 1464 beschrieb Antiquitätenhändler Felice Feliciano Toscolano aus Verona wir folgt: "Ein Ort, der sich nicht nur des Duftes von Rosengärten und purpurfarbener Blüten erfreut sondern zudem überall beschattet wird von den dicht belaubten Zweigen der Zitronen- und Zitronatbäumen", während Marin Sanudo im Jahre 1483 von "zardini de zedri, naranzari et pomi damo" (Gärten mit Zitronen, Apfelsinen und Adams Äpfeln berichtet, die er überall am Ufer antraf.
Im 16. Jahrhundert dagegen notierte Bongianni Grattarolo: "Am etwa 10 Meilen lagen Seeufer zwischen Salò und Gargnano gibt es zahlreiche Gärten, die nicht weniger schön und anmutig wirken als die, mit denen die Dichter einst Atlas, Alcinoo und die Hesperiden besagen; üppig in jeder Jahreszeit mit allen jenen Früchten von güldener Schale".

Die Struktur der Zitronenplantagen
Wichtige Voraussetzungen für die Anlage der Zitrusplantagen, im Italienischen als 'Limonaia' und im einheimischen Dialekt als sardì bezeichnet, sind die Präsenz eines Wildbaches, ein gut vor Wind geschütztes Tal mit sanft abfallenden Hügeln sowie die Nähe des Sees.
Die auf mehreren Terrassen (Còle) angelegten und über Steintreppen miteinander verbundenen Gärten konnten von recht unterschiedlicher Größe sein. Diese Plantagen wurden an drei Seiten durch massive Mauern geschützt, während die Sonnenaussetzung gegen Ost / Südost gewährleistet war. In der Mitte oder auch an einem der äußeren Bereiche der Gärten lag das sog. 'Casello' (Casèl), in dem die Planen und Netze zur Abdeckung der Plantage aufbewahrt wurden.
Das nach hinten abfallende Dach dieses Gebäudes ruhte auf stämmigen, miteinander verschnürten oder mit dem Mauerwerk verankerten Pfeilern aus Kastanienholz mit einem Durchmesser zwischen 30 und 40 cm, die im Italienischen als Sparadossi (Sparadòs) bezeichnet werden; im rechten Winkel zu diesen Stützpfeilern wurden in fünf bis sechs parallel verlaufende Reihen mit Nägeln befestigte Pfähle gesetzt, die 'Cantéri' (Cantér) genannt werden, An den ersten kalten Tagen im November begann man, die Plantage abzudecken; dazu benutzte man für das Dach Holzplanken (As) und für die der Sonne ausgesetzten Bereiche Verschläge aus Holz (Mesì) oder Glassscheiben (Envédriàe) und Türen (Üsére), die durchnumeriert wurden.
Für die Holzverschläge wurden 3 cm starke, etwa 20 cm breite und 5 - 6 m lange Bretter aus Tannenholz verwendet. Auf diesen paarweise aneinander gelegten Brettern wurde ein drittes Brett angebracht, und die so gebildete Einheit wurde mit den kleineren Streben der Linie vernagelt. Die Sonnenseite schützte man mit einem aus drei Balken aus Lärchenholz (Filaröle) gebildeten Verschlag, die parallel angebracht und auf drei Höhen in die Pfeiler der Terrasse (Còla) eingesetzt wurden; diese Struktur wurde an einem Ende mit einem eingesetzten Stein (Préa da filaröla) blockiert. Zwischen den Stützpfeilern brachte man in der Regel fünf oder sechs Bretter sowie zwei oder drei Glasscheiben an und setzte zwei Türen ein.
Die 5 - 7 m langen und 20 - 25 cm breiten Zwischenverschläge bestanden aus zwei übereinander angebrachten und miteinander vernagelten Holzbrettern, von denen eines schmaler als das andere war und eine Art Anschlag bildete; diese wurden mit den Lärchenholzbalken (Filaröle) mit ca. 10 - 12 cm langen Pflöcken (Cavicchi bzw. Cavìc' oder auch Biröi) aus Holz verpfropft, die in die Ocèl der Cavìcie eingesetzt wurden.
Die 5 - 7 m langen und 50 cm breiten Glaswände bestanden aus einem Rahmen mit Querstreben aus Tannenholz; sie wurden immer auf an die Holzverschläge (Mesì) gesetzt und mit kleinen Stäben aus Holz (Paserèle oder Galèc') befestigt, die um einen Nagel gedreht werden konnten.
Die Türen schließlich waren 5 -7 m hoch und etwa 50 cm breit und bestanden aus einfachen, jeweils mit drei Querstreben vernagelten Holztafeln, die zum Öffnen und Schließen mit Türangeln versehen wurden.
Im November mußte die Plantage gut geschützt werden. Um alle Öffnungen zu verschließen (stupinàr), benutzte man getrocknetes Gras (Pàbol), daher die lokale Redensart "A Sànta Caterìna, stüpìna, stüpìna!", die darauf hinweist, daß der Vorgang des Zustopfens am 25. November, dem Tag der HLire Katharina, abgeschlossen sein mußte.
Die Zitrone, sowohl die Pflanze als auch die Frucht, leidet, wenn sich die Temperatur auf 0° C zubewegt; in diesem Fall bleibt keine andere Lösung, als auf den Terrassen mit Holzstücken, Laub und Zweigen Feuer anzulegen (fogàr).

Der Zitronenanbau
Für jede Pflanze der Plantage stand eine ca. 16 - 20 qm große Fläche zur Verfügung, die als 'Campo' (Cap) oder 'Campata' (Campàa) bezeichnet wird; die Anzahl dieser 'Felder' macht die Größe der Plantage aus. Bereits im 16. Jahrhundert legte Agostino Gallo einige Regeln zum Zitronenanbau fest und empfahl, die Pflanzen auf einem fetten Boden ohne Steine zu setzen, und diesen vor dem Umpflügen und vor der Abdeckung der Plantage zu düngen. Abgesehen vom Düngen muß der Boden von Unkraut und Gras befreit und umgegraben werden; anschließend müssen die Pflanzen beschnitten, bewässert und abgedeckt bzw. erneut aufgedeckt werden. Die Obsternte (Spicànda) wurde von Hand mit Hilfe von Leitern und dreibeinigen Gestellen ausgeführt; die gepflückten Zitronen wurden in Säcke (Grümiàl) aus Tierfellen gelegt.
Zitronen blühen mehrmals im Jahr. Der ersten Blüte im Mai folgt eine weniger ausgeprägte Blüte im Sommer und im Herbst. Die Maifrüchte sind weniger rund und haben eine rauere Schale als die im Juni und Juli blühenden Früchte; sie sind die qualitativ besten Früchte, während die im August geernteten Zitronen als weniger edel gelten. Die Blüte und die Ernte ziehen sich, wenngleich in einem reduzierten Umfang, bis in den September und Oktober hinein. Schaut man auf die Produktion im Zeitraum von zehn Jahren, so lieferte eine Pflanze in den beiden wichtigsten Monaten der Ernte (Mai und Juni) im Durchschnitt 500 bis 600 Zitronen.
Die Zitrusfrüchte wurden für die verschiedensten Zwecke verwendet. Agostino Gallo berichtet: " ...alle Pflanzenarten sind erhebliche Geldquelle... Zitronatblüten werden für Salate, zum Einlegen in Essig oder zum Kondieren mit Honig oder Zucker verwendet; aus den Blüten von Apfelsinen und verwandtem Obst bereitet man edles Orangenblütenwasser, aus den unreifen Früchten zarte Gewürze und aus den kleinen Orangen dekorative, schön anzusehende, angenehm duftende Kronen. Die schönen reifen, bei Festessen besonders geschätzten Zitrusfrüchte werden Kranken als Medizin verabreicht... und selbst die Schalen der Orangen verwandelt man zu Geld, indem man sie für schmackhafte Senfsoßen, Orangenlimonade, Paradelli, Arancieti und Gebäck verwendet."
Das in Salò in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts auf Anlaß von Antonio Bonardi und später, ab 1840, von Luigi Patuzzi produzierte Zitronatwasser war allgemein sehr geschätzt.

Der Handel mit Zitronen
Bei der Ernte wurden die Zitronen nach ihrer Größe in die Klassen fine, sopraffine, scarto, scartarello und cascaticcio geordnet; die Zitronen der Klassen fini und sopraffini sowie die besten Früchte der Klasse scarto waren für den Export nach Ungarn, Tirol und in den naheliegenden Ortschaften bestimmt, wobei man "die Früchte der vierten Klasse und ihre weniger noblen Verwandten in Italien verkaufte, während die letzte Klasse nur selten über die Grenzen der Provinz ausgeführt wurden."
Daher ergaben sich folgende Klassifikationen: fine zur Ausfuhr nach Polen, fine zur Ausfuhr nach Ungarn, fine zur Ausfuhr nach Russland, sopraffine zur Ausfuhr nach Österreich, sottofini zur Ausfuhr nach Wien, scarto als Handelsware, scarto zum Verkauf in Mailand, etc. mit jeweils unterschiedlichem Preis, der pro Hundert Zitronen festgelegt wurde.
Das Obst wurde in Papier verpackt und in Holzkisten gelagert; jede Kiste enthielt zwischen 500 und 1000 Zitronen. Besondere Umsicht kam dem Transport zu, der einen ausschlaggebenden Faktor für den Erfolg des Handelsgeschäfts darstellte. Um die Qualität der Früchte nicht durch Stöße zu beeinträchtigen, mußten Auf- und Abladung mit besonderer Vorsicht erfolgen. Je ferner das Ziel des Transport war, umso größer waren natürlich die entsprechenden Risiken. Der Handel in Richtung Norden erfolgte über Torbole, Nago und Bozen mit seinem Obstmarkt ; durch die im Vergleich zu aus Genua oder Süditalien stammenden Zitronen niedrigeren Transportkosten waren die besten Voraussetzung für die Ausfuhr nach Deutschland, Nordeuropa und Rußland gegeben.
Anfang des 18. Jahrhunderts gründete Gian Domenico Bettoni in Bogliaco die auf den Zitrushandel spezialisierte Firma 'G. Francesco Bentotti' , die so gut wie überall in Italien sowie in Nord- und Osteuropa Handelsvertreter hatte. Im Archiv der Firma Bettoni werden heute noch die Eintragungen und Unterlagen zur Korrespondenz zwischen dem Unternehmen und seinen Handelsvertretern sowie die Bilanzen und der Schriftverkehr mit der Anschrift der Empfänger aufbewahrt, die u.a. in Wien, Prag, Krakau, Warschau, Leopoli, Ulm, Kostanz, Triest und Mailand saßen.
Ab dem 17. Jahrhundert war das Seeufer im Norden von Salò (das beinahe dem 46. Breitengrad entspricht) das nördlichste Anbaugebiet für Zitrusfrüchte der ganzen Welt .
Die Zitronen des Gardasees wurden für ihre 'medizinischen' Qualitäten und für ihre 'Säure', das 'fruchtige Aroma des Safts und der Schale' sowie für 'die längere Dauer ihrer Frische geschätzt'; dazu kamen die Feinheit und Leuchtkraft der Schale und die runde Form, Faktoren, die den Zitronen des Gardasees den doppelten oder sogar dreifachen Preis der aus anderen Gegenden Italiens stammenden Früchte einbrachten.
Lodovico Bettoni zufolge entstand in Limone ein wahres 'Modell für den Zitronenhandel'; in einem an Giuseppe Della Casa gerichteten Schreiben der Fa. Bentotti vom 10. Dezember 1846 wird die Zitronenlieferung mit folgenden Worten als 'beste Ware' angepriesen: "Ich bin Ihnen mit Zitronen aus Limone dienlich, den größten und farbenprächtigsten aller."

Die Krise
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts belief sich die Zitronenanbaufläche in Limone auf 6,59 Hektar.
Bei der ersten Ernte im Jahre 1874 wurden 76.000 Zitronen gezählt, während die Ernte des Jahres 1876 als "gerade ein Sechstel der Ernte von 1875" und die von 1878 als "mager und unter der des Vorjahres" bezeichnet wurden. Der Ertrag von 1879 "entsprach dem Durchschnitt der Ernte in den Jahren, als die Pflanzen noch nicht von der Krankheit befallen waren, die 50% der Produktion betraf."1879 belief sich die Produktion lt. einer landwirtschaftlichen Erhebung auf 550.000 Zitronen, 8.000 Orangen und 3 Doppelzentner Zitronat.
Zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert begann die Zitrusproduktion auf irreversible Weise die Krise zu verspüren, die durch die aus Süditalien stammenden und zu wesentlich niedrigen Losten produzierten Zitrusfrüchte, durch die Entdeckung der künstlichen Zitrussäure sowie durch die 'hohen Kosten zur Instandhaltung der Gewächshäuser' bedingt war. So fehlte dem Anbau, der sich über viele Jahrzehnte halten konnte, schließlich der Antrieb. Andererseits war es mangels einer Änderung der Grundhaltung und weiterer Investitionen aufgrund der Struktur der Plantage nicht möglich, die Zitronenanlagen in wirtschaftlich günstigere Einheiten zu unterteilen.
So fielen die Zitronenpreise. Der Preis für die Klasse 'Handelsware' der Familie Bettoni fiel von 5,77 Lire pro 100 Stk. im Jahre 1892 auf 2,31 Lire im Jahre und auf 1,83 Lire im Jahre 1908, und bei den schlechteren Qualitäten von 2,94 auf 1,39 oder auf 1,554 Lire. Die Kreise war offensichtlich.

Zitronen, aber bitte vom Garda!
1929 begannen die Arbeiten zur Anlage der 'westlichen Seeuferstraße' (Gardesana occidentale), und im Oktober 1931 wurde mit der Verbindungsstraße zwischen Limone und den Ortschaften Gargnano und Riva del Garda eine über Jahrhunderte lange Isolation beendet, so daß alle Voraussetzungen für eine günstigere Zukunft von Limone bestanden. In der Tat strömten, wenngleich nur gelegentlich und in bescheidenen Zahlen, nach und nach immer mehr Besucher in die Ortschaft.
Auch die Formen des Zitronenhandels sollten sich ändern. Viele begannen, auf den Plätzen neben der Straße, unter Felsvorsprüngen und im Schatten von Oliven und Zypressen Stände aufzubauen, um den Vorbeifahrenden Zitronen und Orangen anzubieten.


Testo: Domenico prof. Fava


Amidst the lemon house of Limone sul Garda
a historical and cultural journey

Prof. Domenico fava

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